Kenny Chesney Interview

Nashville, Juni 2011

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Kenny Chesney, wie kommt ein Junge aus Knoxville, Tennessee darauf, Musikstar werden zu wollen?

Daran habe ich lange gar nicht gedacht – ich bin in Tennessee aufgewachsen, und die Musik war einfach immer da – zuhause in der Küche, in der Kirche, überall. Meine Mutter hat eine Zwillingsschwester, und mein Grossvater schickte die beiden Mädchen als singende Zwillinge durchs Land. Ich selber bin erst im College wirklich auf die Idee gekommen, ernsthaft Musik zu machen. Es gab da ein Mädchen, das mir sehr gefiel. Ich hatte keine andere Möglichkeit, bei ihr Eindruck zu schinden, drum schrieb ich einen Song für sie. Ich kann mich allerdings nicht mehr genau erinnern, vermutlich war er ziemlich schlecht. Zu dieser Zeit dachte ich zum ersten Mal überhaupt daran, es ernsthaft mit der Musik zu versuchen. Aber wenn man aus dem Osten von Tennessee kommt, dann gehört die Musik einfach zum Leben. Ich bin mit Country und Gospel aufgewachsen, aber ich wusste auch, wer Jackson Browne ist, Bruce Springsteen, Willie Nelson. All diese Leute haben mich natürlich beeinflusst.

 

Wie rasch ging es, als Sie nach Nashville kamen? Fanden Sie schnell Anschluss?

Ich kann mich noch an den Tag erinnern, als ich nach Nashville zog: Es war der 13. Januar 1991, damals begann gerade der erste Golfkrieg. Ich wohnte in einem Haus vis à vis von irgend einem Country-Club, ich glaube, er hiess „The Wrangler“. Ich hatte nichts zu tun, ich kannte niemanden und sah den ganzen Tag fern. Dann lernte ich langsam ein paar Leute kennen und fing an, Songs zu schreiben. Dann lernte ich Clay Bradley von BMI kennen, mit dem ich heute noch gut befreundet bin. Ich ging alle zwei, drei Monate bei ihm vorbei und spielte ihm meine neune Songs vor. Daneben lernte ich weitere Leute kennen, schloss Freundschaften. Ich kann mich noch erinnern, dass ich eines Tages zu Acuff-Rose ging, etwas ein Jahr, nachdem ich nach Nashville gezogen war. Ich kann mich nicht mehr erinnern, welche Songs ich dort vorgespielt habe,  aber damals begann mein Leben als Musiker. Plötzlich musste ich keine Autos mehr parkieren, sondern schrieb Songs mit Leuten, zu denen ich aufschaute. Die brachten mir etwas Wichtiges bei: Man kann nicht davon leben, zehnminütige Songs zu schreiben. Plötzlich war ich nicht mehr Zuschauer, sondern mittendrin.

 

Dann erschien Ihr erstes Album auf Capricorn, „In My Wildest Dreams“. Hätten Sie sich das träumen lassen?

Ja, mein erster Plattenvertrag war mit Phil Walden von Capricorn Records. Er wollte nach Nashville ziehen, um im Country-Markt Fuss zu fassen, und ich war sein Versuchskaninchen. Ich war auf einem Label mit Widespread Panic, Three Eleven und einem Bluesmusiker aus Austin, Ian Moore. Ich habe nicht wirklich dazugepasst. Rückblickend war es eine tolle Erfahrung, aber damals war ich ziemlich frustriert, weil ich nicht weiter kam mit meiner Karriere. Jetzt weiss ich, dass das mein grosses Glück war: Ich hatte den Luxus,, nicht früh durchzustarten. Ich konnte zuerst alles lernen, über die Fans, die Radiostationen, die Medien. Ich konnte eine einjährige Lehrer machen.

 

Danach kamen Sie dem Label, bei dem Sie heute noch sind.

Ja, nach diesem Jahr ging ich zu BNA, das war sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Plötzlich hatte ich einen Song am Radio, den man auch in meiner Heimatstadt Knoxville hören konnte. Damals legte ich das Fundament zu meiner späteren Karriere.

 

Können Sie sich noch erinnern, wer Ihnen am Anfang Ihrer Karriere den besten Rat gegeben hat?

Den besten Rat bekam ich Barry Becket. Ich kam ins Studio und meinte, ich müsse singen wie in einer Bar – das war natürlich viel zu viel. Ich höre ihn heute noch sagen: „lächle beim Singen!“. Ein weiterer toller Rat kam von meinem damaligen Manager Dale. Bevor mein Album auf den Markt kam, sagte er zu mir: „Komm mit, ich möchte dir etwas zeigen.“ Zuerst dachte ich an ein Grundstück, aber er führte mich in einen Schallplattenladen und zeigte auf all die CDs. In diesem Moment habe ich realisiert: Hier geht es nicht darum, dass deine Mutter dich toll findet. Alle dieses CDs sind deine Konkurrenten, aber es sind nicht nur US und Dave Matthews, es ist auch Fussball, es ist das Kino, es ist das ganze Leben. Das habe ich nie vergessen.

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Haben Sie auch schlechten Rat bekommen?

Ach, ich bekomme so viele Ratschläge. Alle sagen mir, was ich tun und lassen soll. Zum Glück bin ich ziemlich gut darin, herauszufiltern, was mir nützt, und den Rest zu ignorieren. Ich hatte auch von Anfang an das grosse Glück, Leute um mich herum zu haben, die Erfahrung mitbrachten. Der Grundstein war also bereits gelegt.

 

Sie haben auch gute Erinnerungen an Ihren ersten Tourbus.

Oh ja, wenn dieser Bus sprechen könnte! Wir nannten ihn Eisenlunge, weil immer Dieseldämpfe in die Schlafkabinen kamen. Wir waren damals 14 Leute, der Bus hatte 12 Betten. Also haben wir einen Rotationsmodus eingeführt: In regelmässigen Abständen schliefen alle von uns auf dem Boden oder auf der Couch, dann bekam man wieder ein richtiges Bett. Aber wir hatten unglaublich viel Spass mit Eisenlunge.

 

Können Sie sich an den Moment erinnern, als Sie zum ersten Mal das Gefühl hatten, einen eigenen Stil, Eigenständigkeit zu entwickeln?

Als ich anfing, war George Strait das grosse Vorbild aller junger Musiker – ein Stück weit ist er das ja heute noch. Der Moment, als ich aufhörte, unbedingt so sein zu wollen wie er, war der Anfang meines eigenen Stils. Meine Karriere verlief ja schon seltsam: Ich hatte ein „Greatest Hits“-Album auf dem Markt, und kein Schwein kannte mich. Um 2002 herum, bevor das Album „No Shoes“ erschien, wurde mir klar, dass ich einen Zacken zulegen musste – als Songschreiber, als Sänger, als Künstler, als Performer. Ich lag nachts wach im Bett und notierte mit auf einen Notizblock 30 Dinge, die ich tun könnte, um besser zu werden. Am nächsten Tag begann ich, daran zu arbeiten. Egal, wo ich bin, was ich gerade mache, ich denke immer: Da draussen gibt es jemanden, der mir auf den Fersen ist.

 

Eine Form von Paranoia.

Natürlich! Sonst wären wir jetzt nicht da, wo wir sind. Aber das ist wirklich meine Mentalität. Ich möchte mich nicht überholen lassen. Es ist eine Art Sucht.

 

Dabei waren Sie doch schon Ende der Neunziger sehr erfolgreich.

Ich weiss, es klingt seltsam, wenn man sagt, man habe besser werden wollen. Mir ging es dabei wirklich nicht um mehr Erfolg – ich hatte ja bereits zwei Platten auf dem Markt, die Doppel-Platin-Status hatten. Ich wollte wirklich einfach besser werden. Als ich anfing, wirklich ehrlich über mich und mein Leben zu schreiben, wurde alles anders.

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Sie haben immer schon ein gutes Verhältnis zum Country-Radio gehabt. Wie pflegen Sie das?

Ja, das stimmt. Es ist über die Jahre gewachsen, aber irgendwie habe ich mich schon immer aufs Radio verlassen können. Ich kann mich noch erinnern, dass ich an meinem 30. Geburtstag in einer Bar in Brownsville, Texas spiele – und kein Schwein kam. Einfach niemand. Und trotzdem spielte das Radio meine Songs rauf und runter. Das habe ich den Radiostationen nie vergessen, und ich wusste immer, dass es nicht selbstverständlich war. Als der Erfolg dann kam, habe ich auch sichergestellt, dass die Leute, die mir damals geholfen haben, von der ersten Reihe aus dabei sein konnten. Das ist auch eine Folge davon, dass ich nicht sofort Erfolg hatte: Bis ich bekannt wurde, waren die Leute vom Radio schon Freunde geworden, weil wir uns schon so lange kannten. Ich weiss, das klingt kitschig, aber so ist es gewesen.

 

Sie haben sich schon früh dafür entschieden, den Leuten nicht einfach Songs zu bieten, sondern eine richtige Show.

Ich glaube, dass alle Menschen alles wollen, und zwar sofort. Ich war da nicht anders. Ich hatte zweit Hit-Alben, aber ich wusste, dass andere Leute im Business viel mehr verdienten. Wenn man jung ist, ist man ungeduldig. Ich löcherte also meine Manager: „Warum passier das und das nicht? Warum geht es nicht schneller? Warum haben die anderen etwas, was ich nicht habe?“. Zum Glück waren die Leute um mich herum viel erfahrener und haben mir erklärt, dass wir gemeinsam etwas aufbauen, was dann auch Bestand haben wird, dass wir auf die Zukunft setzen, nicht nur auf die Gegenwart. Deshalb entschloss ich mich eines Tages, alles, was ich hatte – physisch, psychisch, finanziell, emotional – in mich selber zu investieren, damit unsere Show etwas ganz Besonderes würde. Damals lief gerade George Straits Stadion-Tournee, und ich wusste: So etwas möchte ich auch machen, egal, was es braucht. Alle um mich herum waren bereit, auch zu investieren. So konnten wir alles in den eigenen Händen behalten, das Booking, die ganze Planung, das Management. Alle um mich herum zogen mit. Das war das Geheimnis. Drum: Danke!

 

Bevor Sie selber Headline waren, haben Sie im Vorprogramm von anderen Stars gespielt. Was haben Sie in diesen Zeiten gelernt?

Im ersten Jahr der Tour mit George Strait habe ich viel gelernt – vor allem, wie cool es ist, den Leuten mindestens so viel zu bieten, wie das, wofür sie bezahlt haben. Damals kam ich jeweils als zweiter auf die Bühne – vor mir spielten Asleep At The Wheel, dann kamen die Dixie Chicks, Faith Hill, Tim McGraw und die Trailers. Ich war ein riesen Fan. Nach meinem Teil ging ich rasch duschen, um den Rest des Abends zuhören zu können. Damals lernte ich, wie man dem Publikum eine tolle Show bietet.

 

Manche Künstler kommen in Clubs gut an, andere vor allem in grossen Hallen, aber beides können nicht sehr viele. Welches ist der kleinste gemeinsame Nenner?

Ob man das Publikum fassen kann oder nicht. Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich mich in den grossen Stadien wohl fühlte. Immer, wenn ich in einem Stadion spiele, gehe ich ganz nach hinten, in die hinterste Ecke, setzte mich hin und lasse die Distanz zur Bühne auf mich wirken. Dann weiss ich: So weit weg wird mein Publikum sitzen, und ich muss versuchen, es zu erreichen. Natürlich gelingt mir das nicht immer gleich gut, aber wenn es wirklich gut gelingt, ist es eine unglaubliche Erfahrung.

 

Was wissen Sie über Ihre Fans?

Ich glaube, sie entsprechen mir ziemlich. Meine Band, meine Crew und ich leben nach dem Motto „work hard and play hard“. Ich glaube, das trifft auch auf unsere Fans zu. Es gibt eine Gruppe von Fans, die an jedes Country-Konzert gehen. Das finde ich grossartig. Und dann gibt es noch eine Gruppe von Fans, die sich einen speziellen Act aussuchen. Das finde ich ebenso grossartig. Ich finde es toll, dass so viele verschiedene Leute zu unseren Shows kommen. Wenn ich sehe, wie sie mitsingen, weiss ich, dass sie die Songs nicht nur am Radio hören, sondern dass sie ein Teil ihres Lebens sind. Das hätte ich mir nie träumen lassen, damals, als mich Dale in den Schallplattenladen mitnahm. Inzwischen habe ich auch gelernt, dass unsere Shows sind, woran sich die Leute moralisch festhalten. Einmal sollten wir in Detroit spielen, und der Wirtschaft dort ging es total mies. Ich wusste nicht, was tun: Es kam mir unanständig vor, aufzutreten, aber ich hätte es ebenso unanständig gefunden, abzusagen. Alle um mich herum rieten mir: Spiel die Show, die Leute in Detroit brauchen etwas, worauf sie sich freuen könnten. Ich hatte mir das vorher noch nie überlegt, aber in dem Moment realisierte ich, was für eine Kraft Musik haben kann.

 

Auf diesem Hintergrund muss es umso schwerer gewesen sein, für ein Jahr von der Bühne zu verschwinden.

Es war sehr schwierig. Ich war seit 1993 ununterbrochen on the road gewesen, ging von Montag bis Donnerstag ins Studio, um an einer CD zu arbeiten, fuhr am Donnerstag los, kam am Sonntag Abend heim und ging am Montag Morgen wieder ins Studio. So ging das jahrelang. Eines Tages war ich nur noch müde, und ich ertappte mich dabei, dass ich mitten in einem Song darüber nachdachte, wie ausgelaugt ich war. Weil ich aber wusste, wie viel wir alle investiert hatten, war mir klar, dass man diese Investition um jeden Preis schützen musste. Wir beschlossen also, das Jahr 2010 keine Konzerte zu spielen. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, ein Jahr lang wirklich gar keine Musik zu machen, sondern an meinen Filmprojekten zu arbeiten. Also wollte ich das neue Album noch fertig machen. Wir gingen ins Studio und nahmen elf Songs auf und mischten sie ab. Am letzten Tag nahm ich die Aufnahmen mit und hörte sie mir auf dem Heimweg im Auto an. Da wurde mir mit einem Schlag klar: Ich war müde, und man hörte es. Manchmal nützt es nichts mehr, aufs Gaspedal zu stehen – das Auto wird nicht mehr schneller. Von diesen Songs haben es nur zwei oder drei aufs neue Album geschafft – alles andere haben wir noch mal ganz neu gemacht. Ich hatte endlich den Luxus, mir Zeit dafür nehmen zu können. Natürlich hatte ich auch Angst: Wird unser Publikum noch da sein, wenn wir zurückkommen? Man hätte natürlich auch versuchen können, in ein paar Jahren so viel wie möglich zu verdienen und dann aufzuhören. Aber das wollte ich nie. Ich glaube, wir klingen jetzt besser als vorher, und das Publikum weiss das. Es ist allerdings nicht so, dass ich ein Jahr lang nichts getan hätte: Ich habe einen Dokumentarfilm über Football produziert, „The Boys Of Fall“. Ich glaube, dass Football und das Leben einige Gemeinsamkeiten haben. Ausserdem habe ich auf diese Weise meine kreative Sucht stillen können.

 

Sie haben „One Step Up“ von Bruce Springsteen aufgenommen. Hat er sich je bei Ihnen gemeldet?

Ich bekam eines Tages einen sehr netten Brief, indem sich Bruce Springsteen dafür bedankte, dass ich seinen Song aufgenommen hatte. Ich glaubte allerdings an einen Scherz und sagte allen: „Das ist nie und nimmer die Unterschrift von Bruce Springsteen“. Also reagierte ich nicht. Etwa drei Monate später sah ich einen Dokumentarfilm über Springsteen, und ganz am Schluss zoomte die Kamera auf sein Autogramm. Ich machte nur: Autsch. Gleich am nächsten Tag rief ich ihn an und erklärte ihm alles. Eines Tages spielten wir in New Jersey, und plötzlich kam einer meiner Mitarbeiter zu mir und sagte: „Vor der Tür steht Bruce Springsteen mit seinem Motorrad. Er würde gerne hereinkommen und hallo sagen.“ Es war ziemlich surreal: Am gleichen Tag tauchte auch Larry Mullen jun. Von U2 auf. Am Schluss sassen beide bei mir im Bus und sprachen über Musik. Ich war wie ein kleiner Junge und spitzte die Ohren, um ja nichts zu verpassen, was sie sagten.

 

Sie haben so viele Auszeichnungen erhalten, so viele Hits gehabt. Was motiviert Sie?

Natürlich sind Awards etwas unglaublich Wichtiges für eine Karriere. Ich bin stolz auf jede Auszeichnung, ich würde keine davon zurückgeben, glauben Sie mir. Awards sollten aber nicht das Hauptziel eines Künstlers ein. Wenn ich in einem grossen Stadion auftrete, denke ich nicht, ich müsse möglichst gut ankommen, um zum Entertainer des Jahres gewählt zu werden, sondern deshalb, weil ich möchte, dass man mich wieder einlädt. Der Bezug zum Publikum ist für mich deshalb wichtiger als alles andere.

Kenny Chesney kam 1968 in Knoxville, TN zur Welt. Er hat bisher mehr als 30 Singles in die Top Ten gebracht, 1991 zog er nach Nashville. Im Mai 2008 wurde Chesney von der Academy of Country Music zum vierten Mal in Folge der Publikumspreis „Entertainer of the Year“ verliehen. Im November desselben Jahres erhielt er dann von der CMA das dritte Mal in Folge den Preis für Entertainer des Jahres. 2009 erschien sein zweites Greatest-Hits-Album, das sein neuntes Nummer-1-Album in den Countrycharts war. Mit der Singleauskopplung „Out Last Night“ erreichte er mit Platz 16 seine bis dahin beste Platzierung in den Hot 100. Gleichzeitig war es seine zehnte Gold-Single. Sein jüngstes Studioalbum ist „Hemingway’s Whiskey